← Zum Magazin

Blood & Sinners

Redaktionelle Illustration zum Beitrag
Eigenes redaktionelles Titelmotiv
UP TO 11 · redaktionelles Titelmotiv ↗
TRAILER ANSEHEN EXTERNER INHALT

Erst nach Klick wird eine Verbindung zu YouTube hergestellt.

Wertung der Originalkritik: 4/5

In diesem Artikel

Mitreißend-atmosphärischer Mix ausd Vampir-Horror und Erlösungsdrama

Nachdem Ryan Coogler mit seinem Indie-Debüt „Nächster Halt: Fruitvale Station“ die Herzen Hollywoods im Sturm erobert (und gebrochen) hatte, nahm seine Karriere ohne Anlauf Fahrt auf: Mit „Creed“ ließ er die fast schon totgeprügelte „ Rocky “-Reihe wieder aufleben, mit „Black Panther“ räumte er sogar Oscars ab und brachte Marvel plötzlich gesellschaftliche Relevanz bei. Doch egal, wie groß die Leinwand und wie teuer die CGI-Schlacht, eins blieb bei Coogler immer sichtbar: Ihm geht’s um Menschen, ihre Geschichten, ihren Schmerz. Und genau deshalb überrascht es nicht, dass „Blood & Sinners“ jetzt wieder eine Nummer kleiner, persönlicher und kantiger geworden ist. Viel überraschender ist dagegen, in welcher Form Coogler diesmal seine Themen auf die Leinwand haut: Ein wilder Mix aus Southern Gothic, Vampirhorror und musikalischem Erlösungsdrama, der weder klassische Genrefans noch anspruchsvolles Arthouse-Publikum restlos glücklich machen dürfte – aber genau das macht ihn so verdammt faszinierend und einnehmend.

Darum geht’s in „Blood & Sinners“

1932, Clarksdale, Mississippi: Die Zwillingsbrüder Elijah „Smoke“ und Elias „Stack“ Moore (beide gespielt von Michael B. Jordan) kehren nach langer Zeit in ihre Heimatstadt zurück. Sie wollen einen Neuanfang wagen und eröffnen einen Juke Joint – einen Club, in dem sich die afroamerikanische Gemeinschaft frei fühlen und ihre Musik zelebrieren kann. Mit dabei ist ihr Neffe Sammie (Miles Caton), ein zurückhaltender junger Bluesmusiker, dessen Talent bald weit über Clarksdale hinaus Aufmerksamkeit erregt. Diese Aufmerksamkeit weckt jedoch das Interesse einer Gruppe geheimnisvoller Vampire, angeführt von dem eleganten und charismatischen Remmick (Jack O’Connell). Die Blutsauger ernähren sich nicht nur von menschlichem Blut, sondern auch von der kreativen Kraft und der emotionalen Energie ihrer Opfer. Stack nimmt das Angebot der Vampire an und gerät zunehmend unter deren Einfluss, während Smoke erkennt, dass er seinen Bruder retten und die Vampire bekämpfen muss, bevor diese ihre Familie endgültig zerstören.

Doppelt hält manchmal doch besser

„Nächster Halt: Fruitvale Station“, „ Creed “, „Black Panther“ – Michael B. Jordan ist längst Ryan Cooglers persönlicher Stammspieler. In „Blood & Sinners“ kriegt er sogar eine Doppelrolle spendiert. Was erstmal nach reinem Gimmick klingt, funktioniert erstaunlich gut: Jordan legt Stack charmant und charismatisch an, mit einem überzeugenden Grinsen, das genau die richtige Menge Selbstsicherheit und Unsicherheit transportiert. Smoke dagegen wirkt zurückhaltender, nachdenklicher, ruhiger.

Jordan schafft es, beide Charaktere allein durch subtile Unterschiede in Mimik, Stimme und Körperhaltung klar voneinander abzugrenzen. Besonders stark ist eine Szene, in der beide Brüder wortlos nebeneinandersitzen – beeindruckend, wie Jordan mit kleinen Nuancen in seinem Spiel die großen Unterschiede zwischen den Brüdern zum Vorschein bringt. Auf der anderen Seite steht Jack O’Connell („Skins“) als Vampir-Boss Remmick. Er ist kein typischer Horror-Fiesling, sondern vielmehr ein eleganter Gentleman mit unheimlicher Ausstrahlung – und gerade deshalb so furchteinflößend.

In seiner Figur verdichtet sich die Vampir-Metapher des Films besonders deutlich: Es geht um die Ausbeutung schwarzer Künstler durch mächtige Strukturen. Die Vampire stehen hier für Manager, Produzenten und Plattenfirmen, die Talente aussaugen, ohne sich wirklich für die Menschen dahinter zu interessieren. Coogler setzt diese Metapher subtil, aber treffsicher ein.

Die unbändige Kraft der Musik

Aber kommen wir zum eigentlichen Hauptdarsteller von „Blood & Sinners“: die Musik von Ludwig Göransson (Oscar für „Black Panther“, Nominierung für „ Oppenheimer “), der Ryan Coogler auch als ausführender Produzent zur Seite stand. Der Score mixt klassischen Delta-Blues mit Gospel und modernen Synthies zu einem Sound, der den Film trägt und immer wieder fast spirituelle Momente erzeugt. Sobald Sammie singt, hält der Film förmlich inne – Göranssons Musik wird dann endgültig zur Hauptfigur.

Besonders stark ist eine Jam-Session zwischen Smoke und Sammie zu Beginn des Films, die fast komplett ohne Dialog und nur mit Musik und Blicken auskommt. Ähnlich intensiv wirkt eine die Grenzen der Zeit einreißende Sequenz, in der klassischer Blues sich mit noch deutlich älteren Klängen sowie modernen Beats zu einer transzendentalen Erfahrung vermischt.

Coogler und Göransson zelebrieren mit solchen Momenten die hier grenzenlos scheinende Kraft der Musik – und die Kameraarbeit von Autumn Durald Arkapaw („ Black Panther: Wakanda Forever “) tut ihr Übriges. Es entsteht eine dichte Südstaaten-Atmosphäre: schwüle Baumwollfelder, flirrende Hitze, pulsierende Neonlichter im Juke Joint. Zusammen mit der Musik ziehen die Bilder einen tief in die Welt hinein und verleihen dem Film genau die richtige, beklemmende Stimmung.

… plötzlich drückt Coogler das Gaspedal durch

Lässt man sich voll auf die Sogwirkung von „Blood & Sinners“ ein und schwingt mit dem Rhythmus des Films mit, wird man über die fraglos vorhandenen Unebenheiten angenehm hinweggetragen. Gelingt das nicht vollends, kann einem vor allem das große Finale etwas gehetzt vorkommen. Der sorgfältige (und wichtige!) atmosphärische Aufbau sorgt dafür, dass Ryan Coogler am Ende ein bisschen zu sehr aufs Gas drückt, um seine Geschichte über die Ziellinie zu bringen. Einige Momente wirken dadurch hektisch, etwas übereilt. Ein paar Extra-Minuten hätten das Finale emotional vermutlich noch tiefer und wirkungsvoller gestalten können.

Vor allem diejenigen, die mit der Erwartung eines Blues-„From Dusk Till Dawn“ ins Kino gehen, könnten sich außerdem an der stellenweise etwas zu omnipräsenten, plakativen Symbolik stören. Aber hey: Auch wenn das Finale noch etwas mehr Raum gebraucht hätte, bleibt das übernatürliche Vampir-Gemetzel definitiv nicht auf der Strecke. „Blood & Sinners“ hat ein paar der effektivsten Horrormomente des bisherigen Kinojahres zu bieten.

Fazit: „Blood & Sinners“ ist kein Film, der sich in eine Schublade stecken lassen möchte. Er ist Vampir-Horror und Erlösungsdrama; Genrefilm, Arthouse und Blockbuster zugleich. Das ist wild, mutig, manchmal auch etwas holprig – aber spätestens die Darsteller um den doppelt starken Michael B. Jordan, die grandiosen Bilder und der fantastische Soundtrack von Oscar-Preisträger Ludwig Göransson machen Ryan Cooglers Genre-Mix zu einem intensiven Kinoerlebnis. Lässt man sich von der mal furchteinflößenden, mal haltlos euphorischen Südstaaten-Atmosphäre einlullen, blickt man auch gern über alle Unebenheiten hinweg.

Diskussion

Kommentare sind noch nicht freigeschaltet.