„Eden“: Ein Film, der einfach nicht genug wehtut
Manche Geschichten scheinen wie gemacht fürs Kino – die sogenannte Galápagos-Affäre gehört zweifelsohne dazu. In den frühen 1930er Jahren entschließen sich der deutsche Arzt Friedrich Ritter und seine Lebensgefährtin Dore Strauch dazu, der Gesellschaft den Rücken zu kehren und ein radikal anderes Leben zu beginnen: Selbstversorgung auf der abgelegenen Galápagos-Insel Floreana, fernab der Zivilisation und der gesellschaftlichen Zwänge. Es klingt wie die Verwirklichung eines utopischen Traums, doch schnell stellt sich heraus, dass Isolation, Entbehrungen und die ungezähmte Natur die Menschen auf eine harte Probe stellen. Doch nicht nur die Natur: Mit dem Eintreffen der Familie Wittmer und einer weiteren Gruppe um die angebliche Baronin Eloise Wagner de Bousquet entspinnt sich ein Konflikt, der sechs Menschen das Leben kostete – und dessen tatsächlicher Vorgang bis heute ungeklärt bleibt. Der Stoff könnte nicht besser geeignet sein, um eine filmische Reise in die Abgründe menschlicher Natur zu unternehmen. Wahn und Realitätsverlust inmitten einer paradiesisch anmutenden, aber feindlichen Umgebung – da drängen sich Assoziationen zu Meisterwerken wie „Aguirre, der Zorn Gottes“ und „Apocalypse Now“ förmlich auf. Man hofft auf einen intensiven Psychotrip voller Chaos und Dunkelheit. Doch „Eden“, inszeniert von Hollywood-Handwerker Ron Howard, der mit „Im Herzen der See“ schon an einem vergleichbaren Stoff scheiterte, wagt diesen Schritt nicht konsequent. Statt existenziellem Horror gibt es Hochglanz-Spannungskino, statt spürbarer Verzweiflung eine erstaunlich glatte Erzählweise. Schade!
Darum geht’s in „Eden“
„Eden“ beginnt mit der Ankunft des Ehepaares Heinz (Daniel Brühl) und Margret Wittmer (Sydney Sweeney) sowie Sohn Harry (Jonathan Tittel) auf Floreana. Angelockt von Dr. Ritters (Jude Law) Berichten in deutschen Zeitungen suchen sie auf der Insel das versprochene Paradies. Doch Ritter und seine Lebensgefährtin Dore Strauch (Vanessa Kirby) sind alles andere als begeistert von den neuen „Nachbarn“. Als schließlich auch noch die exzentrische Baronin Eloise Bosquet de Wagner Wehrhorn (Ana de Armas) mitsamt ihren beiden Liebhabern auftaucht und von ihren Plänen spricht, ein Luxushotel zu errichten, kippt die Stimmung endgültig.
Visuelle Stärke – fehlender Wahn
Optisch ist „Eden“ ohne Zweifel gelungen. Kameramann Mathias Herndl („Genius“) fängt die raue, wilde Schönheit Floreanas in satten, lichtdurchfluteten Bildern ein: Schroff aufragende Klippen, nebelverhangene Vulkanlandschaften und die unendlichen Weiten des Pazifiks stehen im Kontrast zur klaustrophobischen Enge der kleinen Gemeinschaft. Hans Zimmers Score untermalt die Atmosphäre mit einer Mischung aus beklemmenden Klangflächen und sanften Melodien, die die Ambivalenz des Settings weiter unterstreichen.
Doch wo die Naturbedrohung zumindest visuell anklingt, bleibt die menschliche Verrohung weitgehend aus. Hier stellt sich die Frage: War die Wahl von Ron Howard einfach die falsche? Der Oscar-Preisträger, bekannt als solider Handwerker (er wurde ja nicht umsonst als Rettungsanker für den problemgeplagten „Solo: A Star Wars Story“ an Bord gezogen), bleibt hier seinem massentauglichen Stil zu treu. Trotz aller Härte auf der Leinwand – sowohl die menschliche Gewalt als auch die unbarmherzige Natur – wagt er es nicht, die Figuren wirklich zerbrechen zu lassen. Statt rohem Realismus dominieren eine viel zu kontrollierte Erzählung und Inszenierung.
Schmerzfrei durch die Wildnis
Ein Paradebeispiel für diese problematische Inszenierung ist die Geburtsszene von Margret Wittmer. Eigentlich müsste dies einer der zentralen Höhepunkte des Films sein – ein brutaler, schonungsloser Moment, der die bittere Realität des Lebens auf der Insel greifbar macht. Doch stattdessen wirkt die Szene seltsam kontrolliert: Margret bringt ihr Kind allein in einer düsteren Höhle zur Welt, draußen heulen wilde Hunde.
Statt chaotischem Schmerz und nackter Verzweiflung wirkt die Inszenierung erschreckend makellos. Sydney Sweeney („ Wo die Lüge hinfällt “) bleibt auch in diesem Moment fast zu schön, ihre Schreie klingen mehr nach Effekt als nach echter Qual. Die Bedrohung wird gezeigt und ist trotzdem nie wirklich da.
Alles bleibt seltsam harmlos, tut nicht weh. Man hat nie wirklich Angst, muss nie wirklich schlucken.
Glatte Charaktere – kein Dreck, kein Wahnsinn
Dass Howard die Geschichte nicht konsequent genug anpackt – oder sie schlichtweg zu sehr auf ein Massenpublikum poliert – zeigt sich auch in der Darstellung der Figuren. Jude Law („Der talentierte Mr. Ripley“) gibt dem idealistischen, aber zunehmend desillusionierten Ritter durchaus Tiefe, bleibt dabei aber optisch makellos. Wo ist die körperliche Zerfaserung, die man von einem Menschen erwarten würde, der monatelang unter entbehrlichen Bedingungen lebt? Das gilt genauso für alle anderen Darsteller: Sie sind einfach zu schön für ihre Rollen. Und bleiben es auch bis zum Ende.
Noch gravierender ist jedoch die Charakterzeichnung und -entwicklung: Ritters Abgleiten in den Wahnsinn kommt viel zu abrupt, ohne nachvollziehbare Entwicklungsschritte. Warum er plötzlich gegen seine Überzeugungen handelt und seine Philosophie über Bord wirft, bleibt unklar und wirkt dadurch nur plump.
Ana de Armas‘ Spiel macht großen Spaß, vor allem die gemeinsamen Szenen mit Vanessa Kirby („ Mission: Impossible “-Filme) zählen zu den Highlights des Films, doch ihre Rolle bleibt flach; ihre intriganten Spiele wirken eher wie aus einer Soap als aus einem düsteren Überlebensdrama.
Fazit: „Eden“ ist ein Film, der sein enormes Potenzial nicht ausschöpft. Ron Howard inszeniert visuell ansprechend, doch es fehlt an Härte, Realismus und echtem Wahnsinn. Statt menschlicher Abgründe gibt es gepflegte Konflikte, statt existenziellen Schmerzes Hochglanz-Dramatik. Jude Law, Vanessa Kirby und Ana de Armas werfen sich mit Herzblut in ihre Rollen, doch die massentaugliche Inszenierung verhindert, dass die Geschichte wirklich unter die Haut geht. Am Ende bleibt „Eden“ ein unterhaltsamer und hübscher, aber viel zu harmloser Ausflug in die Wildnis.

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