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Joker: Folie à Deux

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Wertung der Originalkritik: 2,5/5

In diesem Artikel

Unausgegorener Genre-Mix, der sämtliche Erwartungen unterläuft und Kritiker wie Fans gleichermaßen enttäuscht

2019 entfachte „Joker“ ein kulturelles Feuerwerk: Die Comic-Verfilmung spielte weltweit über eine Milliarde Dollar ein, mischte im Award-Zirkus mit und wurde von den Fans direkt nach Kinostart zum Kultfilm erklärt. Gleichzeitig entfachte er zahlreiche Kontroversen, vor allem wegen der Glorifizierung von Gewalt und Nihilismus. Plötzlich war „Joker“ nicht mehr nur ein Film, sondern der Inbegriff toxischer Fankultur. Wie reagierte Regisseur und Co-Autor Todd Phillips auf all die kulturellen Wellen, die sein Film in den vergangenen fünf Jahren schlug? Die Ankündigung eines Musicals ließ bereits erahnen, dass der „Hangover“-Macher nicht auf Nummer sicher gehen würde, um die riesige Fanbasis des ersten Teils zufriedenzustellen. Und tatsächlich: Mit „Joker: Folie à Deux“ stößt er dem größten Teil seines Publikums regelrecht vor den Kopf. Von Anfang an macht Phillips deutlich, dass er keinerlei Interesse daran hat, Fan-Wünsche zu bedienen. Stattdessen unterläuft er die Erwartungen komplett, inszeniert die Fortsetzung als groteskes Musical-Kammerspiel und verzichtet bewusst auf die Elemente, die den ersten Teil so erfolgreich machten.

Nach den Ereignissen des ersten Teils und dem Mord an fünf Menschen fristet Arthur Fleck (Joaquin Phoenix) ein ausgemergeltes Dasein hinter den feuchten Mauern des Arkham Asylum und wartet auf seinen Prozess. Anwältin Maryanne Stewart (Catherine Keener) plant seine Verteidigung darauf aufzubauen, ihn als schizophren darzustellen und die Taten der Joker-Persönlichkeit zuzuschreiben. Eines Tages wird der mittlerweile völlig apathische Arthur von Wärter Jackie Sullivan (Brendan Gleeson) zu einer Musiktherapiestunde mitgenommen, wo er auf die rebellische Lee (Lady Gaga) trifft. Die beiden haben sofort eine Verbindung – und schmieden schon bald Flucht- und Zukunftspläne.

Folie à Deux – Wenn Wahnsinn ansteckt

Der Begriff Folie à Deux bezeichnet eine seltene psychologische Störung, bei der zwei Menschen gemeinsam einem Wahn verfallen und sich gegenseitig in eine alternative Realität hineinziehen. In „Joker 2“ tauchen Arthur und Lee tief in diesen geteilten Wahnsinn ein – und Todd Phillips versucht, diesen Zustand filmisch darzustellen. Er entscheidet sich dafür, die psychologischen Abgründe im Musical-Format zu ergründen: Arthur und Lee schmettern Jazz- und Musical-Klassiker wie „That’s Life“, „That’s Entertainment“ und „I’ve Got the World on a String“.

Ein faszinierender Ansatz, der jedoch zum Ballast für den Film wird: Selbst die leidenschaftlichen Performances von Joaquin Phoenix und Lady Gaga können nicht verschleiern, wie trist und schwunglos die Musicaleinlagen inszeniert sind (in einer der zentralen emotionalen Szenen singt Phoenix etwa drei Minuten lang in einen Telefonhörer). Die minimalistische Inszenierung mag zwar gewollt sein, um so die Tristheit von Arthurs Situation zu unterstreichen. Das ändert jedoch nichts daran, dass der Film in jeder Gesangseinlage auf der Stelle tritt. Mehrwert bieten die Songs kaum – wären sie auf dem Boden des Schnittraums gelandet, stände dasselbe Werk. Nur kürzer und dadurch weniger dröge.

Was hier nicht verschwiegen werden soll: Zwei Ausnahmen gibt es bei Musicalnummern. Zum einen eine fiktive Joker/Harley-Fernsehshow, die den Stil des US-TV der 1970er Jahre perfekt einfängt und zum anderen eine schwungvoll-brutale Sequenz im Gerichtssaal gegen Ende des Films. Eine der besten Szenen des gesamten Films.

Nur auf den ersten Blick komplex

Wenn schon das Konzept des Films nicht so richtig aufgeht, wie sieht es dann mit der zentralen Thematik aus? Auch die wirkt leider nicht so richtig ausgearbeitet: „Joker: Folie à Deux“ will tiefgründig und komplex sein, schnorchelt aber nur ein bisschen in Arthurs kranker Psyche herum, statt wirklich tief einzutauchen.

Ganz ähnlich sieht es mit Lady Gagas Lee beziehungsweise Harley aus: Ihre Motive werden kaum beleuchtet, die Figur nie richtig greifbar. Warum ist sie so fasziniert vom Joker und lässt sich so schnell in seine Welt hineinziehen? Das bleibt ein Mysterium für den Zuschauer.

Und auch die Folie à Deux bekommt im Skript von Todd Phillips und Scott Silver („Joker“) nicht die Tiefe, die man von der prominenten Platzierung im Filmtitel erwarten könnte. Das faszinierende psychologische Phänomen wird größtenteils durch die blassen, repetitiven Musikeinlagen erforscht – das ist viel zu oberflächlich und schnell ermüdend.

„That’s Entertainment“?

Leider fehlt „Joker 2“ auch abseits der ernüchternden Musicalszenen der Schwung, den Teil eins noch hatte. Die zentrale Thematik der psychischen Erkrankung Arthur Flecks sowie der außerhalb der Gefängnis- und Gerichtsmauern schwelende Aufstand der Joker-Jünger (wovon wir nichts zu sehen bekommen, wir bleiben stets bei Arthur) bilden eigentlich eine spannende Ausgangsposition.

Doch Phillips‘ Fortsetzung bleibt einfach zu dröge und zu wenig entertaining: Die Handlung wirkt fragmentiert, zentrale Elemente werden nicht richtig erforscht, das Konzept des Films geht nicht auf. Auch die Entscheidung, dem Joker-Universum den klassischen Superheldenrahmen noch mehr zu entziehen als schon bei Teil eins, ist ein zwar erfrischender Bruch. Vereinzelte, aber leider nicht gerade subtile Anspielungen an das Batman-Universum wie der Auftritt von Harvey Dent (Harvey Lawtey) sowie das kontroverse Schlussbild wirken aber wiederum fast störend.

Joaquin Phoenix überstrahlt Lady Gaga

Zumindest handwerklich kann man „Folie à Deux“ aber nichts vorwerfen. Der triste Retrolook sieht genauso edel aus wie in „Joker“, die Kameraarbeit ist hervorragend. Abgesehen von der schwunglosen visuellen Darstellung sind zudem sowohl Soundtrack als auch Score hervorragend gewählt und produziert.

Darüber hinaus zeigt sich Joaquin Phoenix („ Napoleon “) wieder extrem engagiert, sowohl den gebrochenen Arthur Fleck als auch den manischen Joker kauft man ihm von Sekunde eins an ab. Und das nicht nur wegen der erneut schmerzhaft ausgemergelten Erscheinung, die Erinnerungen an den knochigen Christian Bale in „Der Maschinist“ weckt.

Im direkten Vergleich mit der schauspielerischen Tour de Force von Joaquin Phoenix kann Lady Gaga als Harley Quinzel eigentlich nur verlieren. Ihr schauspielerisches Talent ist nicht auf einem Level mit ihren über jeden Zweifel erhabenen musikalischen Fähigkeiten, weshalb sie regelmäßig im Schatten ihres Kollegen steht. Nur in den Musikeinlagen tritt sie ins Rampenlicht – jedoch auch hier nur an die Seite von Phoenix, der mit mal authentisch-brüchigen, mal mit selbstbewusst-irren Performances ab voll abliefert.

Fazit: Wie schön wäre es gewesen, hätte man an dieser Stelle schreiben können, dass Todd Phillips‘ Konzept aufgegangen ist. Dass „Joker: Folie à Deux“ ein tiefgründiges Porträt einer psychisch kranken Person ist. Dass die Musicalsequenzen berauschend inszeniert und eine packende Darstellung der immer weiter verschwimmenden Grenze zwischen Realität und Wahnvorstellungen sind. Dass da ein spannender und unterhaltsamer Film im Kino läuft.

So lobenswerten der Mut der Verantwortlichen, die sämtliche Fan-Erwartungen unterlaufen und einen Flop damit bewusst in Kauf genommen haben, auch ist – man kann nichts von diesen Dingen schreiben. Phillips‘ wagt viel, ihm gelingt aber nur wenig. „Joker: Folie à Deux“ ordnet sich unausgegoren und überlang im Bermudadreieck zwischen Psychodrama, Musical, Justizthriller und Groteske ein und enttäuscht Fans und Kritiker gleichermaßen.

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