← Zum Magazin

This Is Spinal Tap

Redaktionelle Illustration zum Beitrag
Eigenes redaktionelles Titelmotiv
UP TO 11 · redaktionelles Titelmotiv ↗

Wertung der Originalkritik: 5/5

In diesem Artikel

Ein völlig zu Recht verehrter Kultklassiker, der die Verstärker „auf elf dreht“

Nigel Tufnel: “Well, it's one louder, isn't it? It's not ten. You see, most blokes, you know, will be playing at ten. You're on ten here, all the way up, all the way up, all the way up, you're on ten on your guitar. Where can you go from there? Where?”

Marty DiBergi: “I don't know.”

Nigel Tufnel: “Nowhere. Exactly. What we do is, if we need that extra push over the cliff, you know what we do?”

Marty DiBergi: “Put it up to eleven.”

Nigel Tufnel: “Eleven. Exactly. One louder.”

Der Kultklassiker „This Is Spinal Tap“ feiert in diesem Jahr 40-jähriges Jubiläum. Seit der Erstaufführung 1984 hat sich die Rock’n’Roll-Mockumentary von Rob Reiner („Harry und Sally“, „Stand By Me“) einen festen Platz in unserem kulturellen Gedächtnis erspielt. Der ikonische Dialog über den Verstärker, der nicht bei zehn, sondern bei elf aufhört, ist nur einer von unzähligen Gags, die bis heute von Musik- und Filmfans zitiert werden. „Spinal Tap“ ist nicht nur ein urkomisches Zeitdokument, sondern genauso eine schonungslose Demaskierung der Absurditäten des Musikgeschäfts. Auch nach so lange Zeit hat die Rockumentary kaum Aktualität und Frische eingebüßt – weder beim gnadenlos trockenen Humor noch bei den bissigen Beobachtungen des Musikerdaseins.

„This Is Spinal Tap“ wird durch die Linse des Pseudodokumentarfilmers Marty Di Bergi (gespielt von Regisseur Rob Reiner selbst) erzählt, der die britische Band Spinal Tap auf ihrer US-Tournee begleitet.

Die Band, bestehend aus Frontmann David St. Hubbins (Michael McKean), Lead-Gitarrist Nigel Tufnel (Christopher Guest), Bassist Derek Smalls (Harry Shearer) und dem x-ten Drummer Mick Shrimpton (R. J. Parnell), ist seit den 1960er-Jahren im Rock’n’Roll-Zirkus unterwegs: Erst als beatlesque Beat-Kombo mit Anzug und Topfschnitt, dann als Flower-Power-Folk-Rock-Band à la The Byrds oder The Mamas and the Papas und schließlich als die in Leder gekleidete, langhaarige, Heavy-Metal-Crew, die wir im Film sehen. Eigentlich sollte die Tournee ein Triumphzug durch die USA werden. Stattdessen entpuppt sie sich aber als reine Serie von Desastern. Von leeren Hallen über abgesagte Shows bis hin zu einem verpatzten Bühnenauftritt mit einem absurden kleinen Stonehenge-Requisit, das die Band endgültig der Lächerlichkeit preisgibt – nichts läuft wie geplant. Und dann ist da noch das Drama hinter den Kulissen, als David St. Hubbins‘ Freundin Jeanine (June Chadwick) auftaucht und die Spannungen innerhalb der Band verschärft.

Die Mockumentary-Blaupause – und noch so viel mehr!

„Borat“, „5 Zimmer, Küche, Sarg“ oder Serien wie „The Office” oder „Modern Family” - hätte es all diese Mockumentaries ohne „This Is Spinal Tap” überhaupt gegeben? Das lässt sich im Nachhinein natürlich nicht beurteilen. Fest steht aber, dass der Heavy-Metal-Kultfilm dem Genre zum Durchbruch verholfen hat. Zwar reichen die Wurzeln der Mockumentary bis in die 1950er-Jahre zurück, doch erst Rob Reiner brachte 1984 die absolute Blaupause auf die Leinwand.

Der „Harry und Sally“-Regisseur setzt inmitten all der Abstrusität auf maximale Authentizität. Viele Textzeilen sind am Set improvisiert, die meisten Dialoge entwickelten die Darsteller selbst. Grenzen erlegte Reiner ihnen nicht auf. Dadurch und ebenso durch die staubtrockene, stets bierernste Darstellung von Christopher Guest & Co. entstehen eine Lebendigkeit und eine Nähe, die die Absurditäten des Plots immer wieder einfängt. Trotz der maßlosen Übertreibungen verschwimmen Realität und Fiktion immer wieder (auch wenn diese Wirkung heute wohl nicht mehr so stark rüberkommt wie noch 1984, hat man sich doch mittlerweile an den typischen Zutaten der Mockumentary sattgesehen).

Die Herangehensweise ermöglicht es dem Regisseur, Themen und Figuren auf eine humorvolle und gleichzeitig scharfsinnige Weise zu untersuchen. Die Kamera dient als Mikroskop, das die Abstrusitäten des Rockstarlebens (noch weiter) vergrößert und sie damit der Lächerlichkeit preisgibt – ohne dabei jedoch jemals herablassend oder verspottend zu werden. Ein großer Teil des Reizes entsteht daraus, wie liebevoll und sympathisch die Figuren bei all ihrer offensichtlichen Inkompetenz und Naivität dargestellt werden.

„Reality Check“ von Ozzy Osbourne und Dave Grohl

Wie sehr Rob Reiner mit seinem Film ins Schwarze getroffen hat und immer noch trifft, bestätigen die vielen leidenschaftlichen Fans innerhalb der Musikbranche. Zahlreiche Musiker, die selbst die Höhen und Tiefen des von Sex, Drugs & Rock’n‘Roll erlebt haben, sehen „Spinal Tap“ als Spiegel ihrer eigenen Erfahrungen. Seien es die Streitereien innerhalb der Band, die Probleme mit Zensur, Pannen auf und hinter Bühne oder auch wie nah Starruhm und Bedeutungslosigkeit beieinanderliegen können.

Ozzy Osbourne sagte, dass er „nicht wusste, ob er lachen oder weinen sollte“, weil der Film so nah an der Realität sei. Dave Grohl von den Foo Fighters beschrieb ihn als „biblical“ für jeden, der in einer Band spielt, und nannte ihn einen „reality check“ für die Absurditäten des Musikgeschäfts.

„This Is Spinal Tap“ als kulturelles Phänomen

Wie groß der kulturelle Impact des Films tatsächlich ist, zeigt, dass die Band den Sprung von der Leinwand in die Realität geschafft hat. Die Darsteller Christopher Guest, Michael McKean und Harry Shearer begannen unter dem Namen Spinal Tap aufzutreten und Konzerte zu geben. Unter anderem schon 1984, kurz nach der Veröffentlichung des Films, im legendären CBGB-Club in New York. Die Auftritte, eine Mischung aus satirischer Performance und echter musikalischer Darbietungen, festigten den Kultstatus der Band endgültig.

In den vergangenen Jahrzehnten feierte Spinal Tap mehrere aufwendig und stets mit einem Augenzwinkern inszenierte Comebacks. 1992 veröffentlichte die Band ein neues Album mit dem Titel „Break Like The Wind“ mit Anspielungen auf die Rockkultur der 1990er, das auch von einer Tour begleitet wurde. Ihren größten Live-Auftritt spielten Spinal Tap 2007 bei der von Ex-US-Vizepräsident Al Gore ins Leben gerufenen Konzertreihe Live Earth: Vor zehntausenden Live-Zuschauern im Londoner Wembley-Stadion und vielen Millionen vor dem TV gaben Spinal Tap ihre Hits zum Besten. Darunter „Big Bottom“ mit insgesamt 19 Bassisten – darunter Robert Trujillo von Metallica und Geddy Lee von Rush.

„This Is Spinal Tap II“ kommt tatsächlich

Der letzte gemeinsame Auftritt fand bisher 2019 zum 35-jährigen Jubiläum des Films statt. Dabei wird es aber nicht bleiben: Im Mai 2024 rollten tatsächlich die Kameras für das ewig angekündigte Sequel „This Is Spinal Tap II“ an. Rob Reiner kehrt auf den Regiestuhl zurück und führt erneut als Marty Di Bergi durch den Film. Die drei Hauptdarsteller sind ebenso wieder dabei wie „Die Nanny“ Fran Drescher, die schon im Original zu sehen war. Als Gaststars sind unter anderem schon Paul McCartney und Elton John bestätigt.

Auf der Leinwand sollen Spinal Tap dann ihr endgültiges Abschiedskonzert anstimmen, wobei mit Sicherheit wieder nicht alles nach Plan laufen wird. Und auch in der Realität wird für eines der größten filmischen Kult-Phänomene wohl der finale Vorhang fallen – betrachtet man mal das Alter der Hauptdarsteller, die alle stramm auf die 80 zugehen oder es sogar schon sind. Es spiegeln sich bei Spinal Tap also ein weiteres Mal Fiktion und Realität. Freuen wir uns darauf, wenn die Verstärker noch einmal auf elf gedreht werden und es ein letztes Mal heißt: „Tonight I’m Gonna Rock You Tonight“.

Fazit: Auch 40 Jahre nach Kinostart haben die scharfsinnigen Beobachtungen des Musikgeschäfts in „This Is Spinal Tap“ nur sehr wenig Aktualität eingebüßt. Auch der absolut trockene Humor trifft weiterhin voll ins Ziel. „Spinal Tap“ ist bissige Parodie, liebevolle Hommage, kulturelles Phänomen. Und eine glasklare 11 von 10.

Diskussion

Kommentare sind noch nicht freigeschaltet.