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Bring Her Back

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Wertung der Originalkritik: 4,5/5

Filmkritik „Bring Her Back“: Sally Hawkins brilliert im vielleicht intensivsten Horrorfilm des Jahres

Bereits nach dem Überraschungserfolg von „Talk to Me“ (2022) war klar: Die australischen Philippou-Brüder sind weitaus mehr als YouTube-Exzentriker mit Hang zu Jumpscares. Ihr Spielfilmdebüt ist effektiv und visuell verspielt. Ein Update des klassischen Dämonen-Horrors – auch, aber nicht nur für die TikTok-Generation. Doch anstatt im zweiten Anlauf lauter, größer, spektakulärer zu werden, schlagen die Brüder mit „Bring Her Back“ einen anderen Weg ein: Ihr zweiter Spielfilm ist ruhiger und reduzierter, aber in jeder Hinsicht drastischer. Hier gibt es keine Partys mit feierwütigen Teenagern – stattdessen ein Haus voller Geister aus der Vergangenheit, eine obsessiv trauernde Mutter und zwei unter all dem leidende Pflegekinder.

Worum geht’s in „Bring Her Back“?

Andy (Billy Barratt) und seine blinde Halbschwester Piper (Sora Wong) verlieren ihren alleinerziehenden Vater auf tragische Weise und kommen daraufhin bei Pflegemutter Laura (Sally Hawkins) unter, die vor nicht allzu langer Zeit ihre ebenfalls blinde Tochter verloren hat. Zunächst scheint alles noch idyllisch, doch hinter Lauras warmherzigen, mütterlichen Lächeln brodelt etwas – und mit jedem Tag, den Andy und Piper in dem Haus verbringen, wird deutlicher, dass etwas nicht stimmt und Laura die Geschwister aus einem bestimmten Grund aufgenommen hat.

Sally Hawkins: Karriere-Peak mit einem Horrorfilm?

Wenn man über „Bring Her Back“ spricht, muss man über Sally Hawkins (Oscar-Nominierung für „The Shape Of Water“) sprechen. Ihre Laura ist kein klassischer Horror-Villain, keine verrückte Alte mit Hexenbuch oder psychopathische Serienmörderin. Hawkins spielt sie als zutiefst menschliche, zutiefst gebrochene Frau, deren Trauer sich wie Schimmel durch ihr Wesen frisst.

Anfangs scheint sie die Herzlichkeit in Person zu sein – doch mit der Zeit entgleiten ihr die Gesichtszüge. Die Stimme wird leiser, unberechenbarer. Die Handlungen kontrollierter, dann kontrollierend. Hawkins versteht es, diese allmähliche Verschiebung meisterhaft zu spielen – ihre Laura ist keine Karikatur, sondern eine schmerzhafte, furchteinflößende Studie von Kontrollverlust durch Liebesverlust. Und irgendwann weiß man nicht mehr: Ist sie Täterin oder Opfer?

Kritiker raunen schon von ihrer „Karrierebestleistung“. Und dafür gibt es tatsächlich viele Argumente. Und das ausgerechnet in einem Horrorfilm ? Ja – aber „Bring Her Back“ ist viel mehr. Unter dem Horror-Deckmantel steckt nämlich ein tieftrauriges Mutter-Porträt, erinnert an andere Vertreter des „Elevated Horror“ (also: gehobener Horror) wie „The Babadook“ (an dem die Philippou-Brüder übrigens mitgearbeitet haben) oder „Ich seh, ich seh“ – ist aber dabei noch eine gute Spur effektiver.

Horror, der wehtut: psychologisch und körperlich

Eine der größten Stärken von „Bring Her Back“ liegt in seiner Konsequenz. Der Film setzt zu keinem Zeitpunkt auf klassische Jumpscares oder eine Eskalation nach der anderen – und zeigt schon daran die Weiterentwicklung des Brüderduos auf dem Regiestuhl. Stattdessen schleicht sich der Horror ein – durch verstohlene Blicke, durch die seltsame Vertrautheit des Hauses, durch die Ahnung, dass alles, was Laura tut, nicht aus Bosheit geschieht, sondern aus tiefem, ehrlich empfundenem Schmerz. Das macht es nicht besser – im Gegenteil. Es macht es unerträglicher.

Und wenn die Gewalt dann kommt, ist sie umso schlimmer. Eine Szene, die den drastischsten Moment aus „American History X“ sofort vergessen macht, gehört zu den schmerzhaftesten der jüngeren Kinogeschichte.

Düstere Atmosphäre und präzise Inszenierung

Auch inszenatorisch ist „Bring Her Back“ ein Schritt nach vorn: Die Philippous setzen auf eine klaustrophobische, dichte Atmosphäre, die sich langsam, aber unaufhaltsam ausbreitet. Das Haus, in dem der Großteil des Films spielt, wird fast selbst zur Figur – ein Ort, der sich immer enger, unheimlicher und unübersichtlicher anfühlt, je länger man sich darin aufhält. Verstärkt wird dieses Gefühl durch ein Sounddesign, das sich nicht in orchestralen Effekten und lautem Dröhnen verliert, sondern mitleisen Geräuschen wie Flüstern, Knarzen, tropfendem Wasser und VHS-Rauschen arbeitet – kleine Details, die sich wie Splitter ins Gehör schieben.

Auch visuell bleibt der Film zurückhaltend, fast spröde, mit gedeckten Farben, vielen Schatten und Bildkompositionen, die mehr andeuten als zeigen. Man spürt: Hier wollten die Philippou-Brüder nicht beeindrucken, sondern bedrücken – und genau das gelingt ihnen mit beeindruckend erschreckender Präzision.

Fazit: Nach dem erfolgreichen, lauten Teenie-Dämonen-Horror „Talk To Me“ wäre es für Danny und Michael Philippou ein leichtes gewesen, einen ähnlich gelagerten Schocker nachzuliefern. Oder sogar ein Sequel. Aber nein, die Brüder trauen sich was, unterlaufen Erwartungen – und entwickeln sich damit weiter. „Bring Her Back“ ist kein offensichtlicher Crowdpleaser; kein Film, der TikTok mit kurzen Clips füllen wird.

„Bring Her Back“ ist unbequem, langsam, schmerzhaft. Aber er ist auch mutig, bildstark und voller emotionaler Wahrheit. Die Philippou-Brüder beweisen eindrucksvoll, dass sie nicht nur mit Schockmomenten umgehen können, sondern echte Filmemacher mit Vision sind. Und Sally Hawkins erschafft mit ihrer Darstellung eine Figur, die man so schnell nicht vergisst – nicht (nur), weil sie gruselig ist, sondern weil sie einem das Herz bricht.

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