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Presence

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Wertung der Originalkritik: 1/5

In diesem Artikel

„Presence“ -Steven Soderberghs erster ganz großer Fehlgriff

Steven Soderbergh ist einer der vielfältigsten Filmemacher unserer Zeit. Seit seinem Durchbruch mit „Sex, Lügen und Video“ (1989) hat er fast jedes erdenkliche Genre ausprobiert – und das oft mit beachtlichem Erfolg. Ob cleveres Heist-Movie („Ocean’s Eleven“), tiefgründes Justizdrama („Erin Brockovich“) oder philosophische Sci-Fi-Oper („Solaris“). Nach „Side Effects“ kündigte der Hollywood-Tausendsassa an, sich auf unbestimmte Zeit aus dem Filmgeschäft zurückzuziehen – nur um 2017 mit „Logan Lucky“ zurückzukehren und anschließend eine Produktivität an den Tag zu legen, wie man sie sonst (in noch krasserer Form) nur von einem Takashi Miike („Ichi The Killer“) erwartet. „Presence“ ist bereits der neunte Film seit dem Leinwand-Comeback. Anders als Miike konnte Soderbergh Quantität und Qualität aber in der Regel unter einen Hut bringen: „No Sudden Move“ ist ein atmosphärischer Thriller und auch der auf einem iPhone gefilmte „Unsane“ überraschte mit seiner Intensität. Auch „High Flying Bird“, „Let Them All Talk“ oder „Kimi“ kamen bei der Kritik gut weg. Mit „Presence“ setzte Soderbergh jetzt einen Geisterfilm in Szene. Komplett aus der Perspektive des Geistes. Eine spannende Idee, die vom Konzept her lose an den David Lowerys herausragendes Gespensterdrama „A Ghost Story“ erinnert. Doch leider muss man feststellen: „Presence“ ordnet sich genau am anderen Ende des Qualitätsspektrums ein.

Darum geht’s in „Presence“

Mutter Rebekah (Lucy Liu), Vater Chris (Chris Sullivan), Sohn Tyler (Eddy Maday) und Tochter Chloe (Callina Liang) ziehen in ein neues Haus. Während Rebekah sich ganz auf Tylers sportliche Zukunft als Schwimmer konzentriert, fühlt sich Chloe vernachlässigt und trauert noch immer um den Tod ihrer besten Freundin. Nach kurzer Zeit beginnt Chloe, eine mysteriöse Präsenz im Haus zu spüren. Türen öffnen sich von selbst, Schatten huschen durch die Flure, und eine unsichtbare Kraft scheint ihr näher zu sein als jedem anderen Familienmitglied. Doch weder ihre Mutter noch ihr Bruder schenken ihr Glauben, und auch ihr verständnisvoller Vater bleibt zunächst skeptisch …

Ästhetik ohne Emotionen Schon die beiden iPhone-Filme „Unsane“ und „High Flying Bird“ zeigten: Steven Soderbergh liebt es, mit Kameraarbeit zu experimentieren. Und auch die Idee, die Geschichte durch die Augen eines Geistes zu erzählen, klingt erstmal vielversprechend.

Weitwinkel? Check. Langsame Schwenks? Check. Dramatische Schwarzblenden? Check.

Damit mögen die ersten zehn Minuten auch noch vage faszinieren. Doch dann setzt eine unangenehme Erkenntnis ein: Das bleibt jetzt so! „Presence“ hält stur an seiner stilistischen Idee fest, ohne sie je weiterzuentwickeln. Statt Atmosphäre aufzubauen, sorgt der Film für eine immer größere Distanz zwischen Zuschauern und Figuren. Es gibt keinen Fokus, keine Nähe, keine echte Spannung – nur eine Kamera, die durch Räume gleitet, als wäre sie auf der Suche nach einer spannenderen Story.

Der Soundtrack tut sein Übriges. Horror lebt oft von subtil eingesetzten Klangteppichen, von Geräuschen, die sich ins Unterbewusstsein schleichen. Doch „Presence“ macht genau das Gegenteil. Die Musik ist aufdringlich, allgegenwärtig und unermüdlich bemüht, die Emotionen zu erzeugen, die das Drehbuch nicht hergibt. Ist das etwa einfach die erste Playlist, die bei Spotify erscheint, wenn man nach „Dramatische Musik für Horrorfilme“ sucht?

Callina Liang als Lichtblick

Lucy Liu („Kill Bill Vol. 1“) muss längst nicht mehr beweisen, dass sie eine tolle Schauspielerin ist. Soderbergh und Drehbuchautor David Koepp („Jurassic Park“, „Panic Room“) reduzieren ihre Darstellung hier aber auf eine eindimensionale, distanzierte Mutterrolle. Ihre Figur soll überfordert und unnahbar wirken – was in letzter Konsequenz aber dazu führt, dass sie in jeder Szene aussieht, als hätte sie so gar keinen Bock, da zu sein.

„This Is Us“-Star Chris Sullivan bringt eine dringend benötigte Wärme in den Film. Er macht das Beste aus seinem begrenzten Material. Ebenso wie Newcomerin Callina Liang – das einzige wirkliche Highlight in diesem ärgerlichen Film. Ihre Figur ist die einzige, deren innere Konflikte zumindest ansatzweise greifen. Ihre Verletzlichkeit und ihr Wunsch nach Aufmerksamkeit gehen tatsächlich ans Herz. Und das ist hauptsächlich der Verdienst von Callina Liang.

Tja und dann gibt es da noch West Mulholland als Highschool-Bully Ryan. Ein wandelndes Klischee, dessen Existenz das Drehbuch mit „Wir brauchen noch einen Konflikt“ erklärt. Er ist nicht bedrohlich, nicht glaubwürdig, nicht einmal unterhaltsam überzeichnet. Er ist einfach nur da und nervt.

Ein Geist ohne Regeln, ein Twist ohne Gewicht

Horrorfilme – und Geisterfilme im Speziellen – brauchen klare Regeln. Welche Kräfte hat die übernatürliche Präsenz? Welche Grenzen gibt es? Was kann sie beeinflussen, was nicht? „Presence“ verweigert sich dem konsequent. Mal kann der Geist mit seiner Umgebung interagieren, mal nicht. Mal ist er ein aktiver Teilnehmer der Geschichte, mal ein passiver Zuschauer. Es gibt keine Konsistenz, keine erkennbare Logik.

Aber hey, ein guter Twist kann doch viel retten. Auch hier? Nope: Spätestens zur Halbzeit ist klar, was die große Enthüllung sein wird. Doch statt den Moment clever vorzubereiten oder eine neue, unerwartete Richtung einzuschlagen, zieht sich der Film nur unnötig in die Länge, bis er endlich das offenbart, was das Publikum längst vermutet hat. Das wahnsinnig plumpe Finale setzt dem Ganzen dann endgültig die Krone auf.

Fazit: „Presence“ ist der erste ganz große Fehlgriff in der Filmographie von Steven Soderbergh. Er funktioniert im besten Fall als technische Fingerübung – aber zu keiner Sekunde als Unterhaltungsfilm. Statt eines fesselnden Genre-Beitrags serviert der Oscar-Preisträger (2001 für „Traffic – Die Macht des Kartells“) uns ein ärgerliches, hochstilisiertes Nichts, das sich zu allem Überfluss auch noch viel zu ernst und wichtig nimmt.

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