Ambitionierter Alpenhorror mit starken Darstellern, der tonal leider nie die richtige Balance findet
Mit flimmernd-surrealen Bildern beschwor Tilman Singer in seinem Debütfilm „Luz“ (2018) eine beklemmende Atmosphäre herauf. Realität und Albtraum verschmolzen in seiner Hommage ans italienische Horrorkino auf hypnotische Art und Weise. Wie positiv das Debüt aufgenommen wurde, zeigt die namhafte internationale Besetzung, die Singer für seinen zweiten Film zusammentrommeln konnte: Shootingstar Hunter Schafer („ Kinds Of Kindness “) und der blockbustererprobte Dan Stevens („Godzilla x Kong: The New Empire“) führen den Cast der deutschen Produktion an. Dass der zweite, auf ein deutlich größeres Publikum zielende Film Singers nicht ganz so weird und verschroben werden würde wie „Luz“, war klar. Doch der Regisseur findet nie eine gesunde Balance zwischen Konventionalität und surrealen, experimentellen Momenten.
Im Mittelpunkt von „Cuckoo“ steht die 17-jährige Amerikanerin Gretchen (Hunter Schafer), die nach dem Tod ihrer Mutter mit ihrem Vater Luis (Marton Csókás), dessen neuer Frau Beth (Jessica Henwick) und Stiefschwester Alma (Mila Lieu) in ein Resort in den bayerischen Alpen zieht. Dort beginnt sie, mysteriöse Geräusche zu hören und beunruhigende Visionen von einer Frau zu haben, die sie verfolgt. Und auch Resortbesitzer Herr König (Dan Stevens) wirkt zunehmend bedrohlich.
Hunter Schafer ist das Herz von „Cuckoo“
Bevor es hier ans Meckern geht, muss erst einmal der größte Pluspunkt und das Herzstück von „Cuckoo“ betont werden: „Euphoria“-Star Hunter Schafer! Als Gretchen ist sie ganz klar der emotionale Anker des Films. Während die Figuren von Marton Csókás und Jessica Henwick blass bleiben, bekommen wir einen tiefen Einblick in das Seelenleben der 17-jährigen Hauptfigur. Und dass das alles – gerade im letzten Drittel – tatsächlich so emotional mitreißt, liegt vor allem an der Darstellung von Hunter Schafer. Auf der anderen Seite des schauspielerischen Spektrums steht Dan Stevens: Sein Herr König wird nie greifbar. Der Spaß, den der Brite an der Rolle hatte, ist zwar zu jeder Sekunde in der augenzwinkernden und knapp am Overacting vorbeischrammenden Performance spürbar – zum Tonfall des Films passt das aber nur selten. Und damit kommen wir auch zum größten Problem von „Cuckoo“.
„Cuckoo“ fehlt die Balance
Der Film mäandert irgendwo zwischen Horror, Mystery, Drama und schwarzer Komödie. Tilman Singer findet bis zum Ende leider keine klare emotionale und tonale Linie. Auch eine stimmige Balance zwischen Realität und Surrealität sowie zwischen Ernsthaftigkeit und Absurdität ist nie gegeben. Als Beispiel seien hier nochmals Schafer und Stevens genannt: Die Emotionalität und Glaubhaftigkeit in Schafers Schauspiel steht dem „Ich hab Spaß, ich geb‘ Gas“-Acting samt schelmischem Bösewicht-Charme und Flöteneinlage gegenüber.
Verglichen mit den klaren visuellen und narrativen Entscheidungen in „Luz“ wirkt „Cuckoo“ so oft seltsam unentschlossen. Singer zitiert zahlreiche Einflüsse, darunter Elemente des Giallo-Films, Werke von David Lynch und den experimentellen Horror der 70er-Jahre. Eine originelle Einheit wird daraus aber nie. Die fragmentierte Struktur des Films führt dazu, dass viele Szenen isoliert zwar beeindruckend sind (die Fahrradszene!), im Kontext aber ihren emotionalen oder narrativen Punch verlieren.
Weirdness-Level: Da geht noch viel mehr!
Darüber hinaus hätte Singer mit „Cuckoo“ deutlich mehr wagen können. Die surreale Atmosphäre aus „Luz“ kommt hier und da durch. Jedoch eigentlich nur dann, wenn im Film die mysteriösen Geräusche auftreten und der Regisseur das wiederkehrende Hauptstilmittel des Films einsetzt: Sequenzen wiederholen sich mehrfach, wobei sie jedes Mal brutaler und intensiver werden. Die Figuren scheinen kurzzeitig in einer Zeitschleife gefangen. In diesen Momenten verschwimmt die Grenze zwischen Realität und Albtraum, eine beunruhigende, verwirrende Atmosphäre entsteht.
Leider bleiben diese Szenen surreale Spitzen in einem abgesehen davon überraschend konventionellen Film. Immer wieder flirtet Singer mit dem Ausbruch ins Albtraumhaft-Bizarre. Doch vollzogen wird dieser letzte Schritt nie, wodurch die surrealen Elemente fast schon deplatziert wirken.
Fazit: Abschließend bleibt „Cuckoo“ ein zweischneidiges Schwert. Der Horror-Mystery-Thriller liefert ambitionierte Elemente, die in einigen bockstarken Einzelszenen münden. Vor allem Hunter Schafer reißt den Film mit ihrer Leistung stellenweise komplett an sich und hat die stärksten Momente. Durch das zu unentschlossene Spiel mit Genre-Grenzen und Tonalitäten sowie dem fehlenden Mut zur totalen Weirdness bleibt am Ende von „Cuckoo“ aber eine gewisse Ernüchterung. Und das Gefühl, dass eine etwas klarere Linie – in die eine oder die andere Richtung – ein besseres, zufriedenstellenderes Werk hervorgebracht hätte.




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